Neujahrsansprache der Krebsprinzessin

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Neues Jahr, neues Glück.

Leider beginnt das neue Jahr bzw. endet der letzte Zyklus ohne aktuelle Chemopostkarte No.3. An alle Abonnenten bitte ich dies zu entschuldigen.
Ohnehin sind alle noch ganz gesättigt von Weihnachtspostkarten, Paketanhängertexten und dem „Süßer die Glocken nie klingen“, das in den letzten Wochen durch jede Fußgängerzone schallte. Ein Jahresrückblick rückblickt den nächsten und alle fragen sich, wie sind wir das ganze Jahr ohne ausgekommen?

Nichts dest trotz sind die Feiertag an uns allen vorbei gegangen und ich für meinen Teil beschnuppere voller Begeisterung das neue Jahr, das wie ein großes weißen Blatt Papier vor mir liegt und alle Möglichkeiten offen zu halten scheint. Voller Zuversicht und Freude wende ich meinen Blick auf den Sommer. Juli, Haare, Krebsfrei..
Zumindest meine Gesundheit hat sich wunderbar gehalten und so war ich vergangene Woche mit vielen lieben Menschen wandern, feierte Silvester mit dem ein und anderen alkoholischen Getränk und auch heute waren meine Blutwerte wieder wie die einer Durchschnittsfrau ohne Grunderkrankungen. Also alles im Normalbereich. Scheinbar durchaus eine Seltenheit.

Morgen ist Halbzeit. Bergfest, Zwischenstand.. Ich hätte nicht gedacht, dass die Zeit so schnell vorüber geht. Ich komme sogar kaum dazu, die ganze freie Zeit zu nutzen, die mir zu Verfügung stünde, wären da nicht Papierkram, Ämter, Recherchen und bald muss ich auch noch umziehen..
Es kommt eben alles immer zur rechten Zeit. Bei all den Anforderungen stecke ich nicht den Kopf in den Sand und kann dennoch kaum nachvollziehen, wenn meine Freunde mich dafür rühmen, so mutig und stark mit all dem umzugehen. Ich meine: Das ist nun mal mein Leben. Was soll ich bitte anders tun, als einfach immer das beste daraus zu machen?

Und gerade deshalb machen mich die vielen lieb gemeinten Genesungs- und Kraftwünsche manchmal traurig. Ich will nichts anderes, als soweit wie möglich normal weitermachen. Will gerne auch mal einen Tag vergessen, was gerade in meinem Leben passiert und möchte gern über andere Sachen, als Krankheit, Blutwerte und Operationen sprechen. So wie früher. Aber es geht nicht.
Wenn man Krebs hat, dann ist das nicht mehr so einfach. Man ist umgeben von diesen Dingen. Trifft Krebspatienten, informiert sich zu seinen Befunden, hat seine Werte, seinen Behandlungsplan, seine Termine im Blick und versucht gleichzeitig für sich selbst, den Psychologen, den Onkologen und den Alternativheiler mitzudenken, um bloß keine Heilungschance ausser Acht gelassen zu haben. Zwischen Enzymsaft und Pilzextrakt, der täglichen Orange, dem obigatorischen Nagellack und den Leinsamen ein bisschen Normalität und nicht mehr denken: „Das dritte Glas Sekt hätte ich meiner Leber aber nicht antun brauchen“.
In einem Moment schmelze ich dahin bei all den guten Wünschen und Geschenken und dabei wird mir klar, dass ich auf der anderen Seite stehe. Auf der Mitleidsschiene. Das sticht, direkt ins Bewusstsein.

Meine Freundin meinte gestern: Wenn es eine Prüfung ist, so bekommen sie nur die Stärksten unter uns.

Faked Panda - Die schönen Dinge im Leben beruhen manchmal auch auf einem Betrachtungsfehler

Das Mittel zum Zweck und Der Zweck heiligt die Mittel. Das ist meine Gedankenformel seit Wochen. Krebs ist nun mal eine Ausnahmesituation, egal, wie gut man ihn körperlich bewältigt. Aber ich bin froh um meine Mitstreiter: die  Schlechte-Laune-Räuber, Trauer-weg-Drücker und Krebsvergessen-Macher, die mit ihren Geschichten, Gefallen und Geschenken ein bisschen aus ihrem Leben in meins bringen und mich dabei sein lassen in der Welt der Normalos. Und dabei fällt mir ein: Wie vermessen. „Unter jedem Dach ein Ach„.. Wir sitzen alle im selben Boot.

Willkommen in meiner Welt

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