Ein erstes Resümee

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Was mich am Krebs ärgert? Dass er innerhalb weniger Minuten die Macht über einen gewonnen hat.

Man kann sich noch so sehr dagegen wehren, doch sobald man weiß, dass der Krebs den eigenen Körper in Beschlag genommen hat, richtet sich das bisher vermeintlich so selbstbestimmtes Leben nach einer anderen Pfeife.

Ich habe heute mal resümiert, was mich der Krebs bisher gekostet hat und was er mir gebracht hat. Was ich vermisse und was ich begrüße.

Das merkwürdige daran war, dass es nichts gibt, das ich wirklich aufrichtig vermisse. Einige lieb gewonnene Gewohnheiten, wie ein heißes reinigendes Bad nach einer langen Arbeitsschicht morgens um sieben, wenn die WG noch schläft- in Vorfreude auf den ersten Kaffee des Tages, den Sonnenaufgang  und die Abneigung gemixt mit der heimlichen Leidenschaft, den Tag mit meiner Diplomarbeit vor dem Schreibtisch zu verbringen.. Das vermisse ich sehr. Genau diesen Moment. Der mir so unfreiwillig genommen wurde. Vom einen auf den anderen Tag.

Aber sonst?
Sollte der Krebs bald verschwunden sein und nie mehr wieder kommen- denken wir mal enthusiastisch- dann habe ich wirklich viel Lebensqualität gewonnen.
Wo ich früher Wünsche und Ziele hinaus geschoben habe, weil ich wußte, dass ich sie mir in einem Jahr oder einem halben Leben mal erfüllen werde können, oder wo ich Sehnsüchte in materiellen Gütern verloren habe, da steht heute die neu entdeckte Bewegung mit seinem Körperempfinden, die aufrichtigere Lebensfreude, die Lebenskraft und der Lebenswille, aber vor allem hat der Krebs mir eins geschenkt; etwas das ich zuvor nicht gesucht habe, um das mich jedoch viele Menschen beneiden würden: Den Lebenssinn.
Früher waren meine Tage an einem Ziel ausgerichtet, doch dieses Ziel war oft vage und unscharf. Heute tue ich alles nur für mich und für den Frieden mit meiner Welt. Oder nur eins davon- in Abwägung.. Auf jeden Fall wurde mein Leben konkreter.

Nichts ist so befreiend wie ein beherzter Spung über die eigenen Grenzen

Was ich jedoch manchmal noch vermisse ist meine Lebens-Unschuld, welche Menschen meines Alters oft noch so typisch ist. Die Unbefangenheit mit der Gesundheit, dem Alter und dem Tod.
Doch sind wir mal ehrlich: Was entgeht mir ohne eine Freitagnacht, betrunken übersäuert  auf einer Party durch zu tanzen. Klar. Tanzen ist toll und feiern muss sein, aber zusätzlichen Sinn und Freude gab das meinem Leben früher selten.
Ich habe keine Ahnung, ob diese Unschuld eines Tages zurück kehrt, doch wenn ich „Altersgenossen“ von der letzten versoffenen Nacht reden höre und sie von ihren Kopfschmerz klagen, dann komme ich mir vor wie auf einem anderen Planeten, so weit erscheint mir diese „Normalität“ bereits.

An dessen Stelle gerückt ist die Liebe zu meinem Körper. Wie eine Mama, die nicht möchte, dass ihrem Kind etwas schlechtes geschieht, achte ich auf mich und setzte mich nicht mehr Schadstoffen und schlechten Umwelteinflüssen aus, als nötig und bleibe lieber zu Hause als im Rauch zu feiern. Das komisch ist, dass mir das (noch) nicht schwer fällt, sondern ich es gerne tue, weil ich weiß, dass es mir gut tut. Ich trage Verantwortung für mich. Ich habe einen Sinn im Leben. Und wenn ich Glück und Erfolg habe und vielleicht auch nur fest genug daran glaube, dann wird mir dieser Sinn noch Jahrzehnte voller Lebensfreude und Sinnhaftigkeit schenken. Und ein Leben, das sich andere nur in ihrem besten Rausch vorstellen können.

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