Einfach NURmal meckern

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Diese Metapher erinnerte mich an mein eigenes Leben:
Die Wurzel habe ich am Strand im Urlaub entdeckt. Sie wurde durch Klifferosion entwurzel und sucht nun neuen Halt in der zurückgelegenen Erde. Der Baum erstrahlt in frischen grün. Doch es wird sie wieder entwurzeln und es bleibt zu hoffen, dass sich der Baum immer wieder von neuen festes Land findet, um darin die eigenen Wurzeln graben zu können.

Heute, genauer gesagt, seit gestern bin ich einfach nur noch zornig. Die nahende Bestrahlung verdirbt mir das einzige Festival- und Spaß-Event, auf das ich mich diesen Sommer gefreut hätte und nun auch noch den einzigen Job auf europas größtem Metal-Festival, den ich finanziell eingeplant hatte, an dem ich Freunde treffen wollte und mich auf nicht wenig mit Spaß eingestellt hatte. Stattdessen scheint alles, was mir nach meinem Krebs vergönnt zu sein scheint, meine Diplomarbeit, Lernen für die mündlichen Prüfungen und das Schreiben von Bewerbungen  zu sein. Nicht einmal das Wetter schenkt mir seine Gunst. Es ist grau in grau und kalt. Aber freut euch, denn wahrscheinlich ist das Wetter nur noch genau bis nächsten Dienstag schlecht. Da nämlich fangen meine Bestrahlungen an. Von diesem Zeitpunkt an darf ich mit der bestrahlen Stelle (mein gesamter linker Oberkörper) nicht mehr in die Sonne – für ein Jahr. Ich wette, dass das Wetter dann geradezu strotzen wird vor Sonnenstunden. Und während meine Freunde ihre Festivalvorbereitungen treffen, sitze ich zu Hause und lerne.

Wenn es mir nicht gut geht, habe ich festgestellt, sitze ich immer in meiner Leseecke neben dem Fenster. Dort habe ich eine wärmende Lampe, die Heizung und Blick auf die Bäume des Friedhofs. Aber in dieser Ecke geht’s mir immer ein bisschen besser als in der Restwelt. Mein Insel. Heute Morgen habe ich mich als erstes nach dem Aufstehen mit dem Laptop auf dem Schoß und einem warmen Kaffee in meine Ecke gesetzt. Man könnte fast schon meinen, welch ein schlechter Tagesanfang. Aber in der Ecke kann´s nur besser werden.
Ich dachte eigentlich, dadurch dass ich mich so gut zusammenreiße und alle Behandlungen brav und einsichtsvoll über mich ergehen lasse, hätte ich nun mal eine Belohnung verdient. Zugegeben: Ich werde gesund und die Ergebnisse der OP waren großartig. Aber ist es zuviel verlangt, wenn ich davon ausgegangen bin, diesen Sommer meine verloren geglaubte Jugend wieder erstrahlen lassen zu können? Ich war nie ein Mitläufer, aber wie jetzt so abgekapselt von den Dingen zu sein, die ich glaubte mit meinen Freunden gemeinsam erleben zu dürfen, fühlt sich dermaßen ungerecht an. Es macht mich trotzig und traurig.
Die erhabene Stimme in meinem Kopf sagt mir die ganze Zeit, dass es eben sein muss. Die andere, dass sie aber WILL, WILL, WILL! Und so sitze auf dem Stuhl in der Ecke, versuche erneut das Beste daraus zu machen und bin es eigentlich langsam nur noch leid.
Ich WILL wieder so leben wie zuvor, meine Entscheidungen selbst und nicht von Klinikplänen bestimmen lassen. Ich WILL Wärme (ohne Hitzewallungen) und Sonne im Gesicht. Und ich WILL, dass endlich mal Schluss ist mit den schlechten Nachrichten. Ich WILL Ruhe im Karton-und zwar sofort.

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  1. Fühle mit dir Mari. Mir geht es genauso. Ich habe die Bestrahlungen nun hinter mir und sogar der Port ist seit Montag wieder draußen. Ich fühlte mich – bis auf die noch sehr kurzen Haare – wieder richtig NORMAL. Doch andauernd rief das Rezept in meiner Tasche, das ich schon seit 1 1/2 Wochen mit mir rumtrug… irgendwann musste ich mich entscheiden, nehme ich das Tamoxifen nun oder nicht… Heute habe ich es mir geholt und mir vorgenommen, mich trotzdem weiter so zu fühlen, als ob meine Behandlung abgeschlossen ist. Und ich hoffe natürlich auch, dass ich keine allzu schlimmen Nebenwirkungen bekomme… Was hast du denn für welche? Schreib mir doch einfach eine mail!

  2. Liebe Mari, Du darfst ruhig mal meckern und böse sein!!! Es ist einfach sch….,dass du die Bestrahlungen noch vor Dir hast. Wieviele sind es eigentlich? Es hilft Dir zwar nicht viel weiter, aber dieser Sommer hat sich deiner Krankheit angepasst – sooo schön ist er nun auch nicht!! Ich hoffe, das die nächsten Wochen für Dich schnell ´rumgehen und es viel regnet. Ich freue mich auf Dich am Sonntagabend und drücke dich ganz fest.
    Elisabeth

  3. das leben gibt dir wurzeln und flügel – wer entwurzelt ist kann fliegen, ist unabhängig und frei – wer fliegt breitet seine glieder aus zu umarmen die ganze welt und von neuem darin zu verwurzeln

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