Nerven-Clownskostüm

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Die vergangenen drei Wochen seit meinem letzten Post waren wie ein Spaziergang auf dem Weg des Ruhms.

Die Rillen und Wachstumsstörungen von der Chemo an meinen Fingernägeln und die Hautschäden an den Fingern infolge der Nebenwirkungen sind endlich raus gewachsen. Es ist vorbei. Es ist überstanden..

Am letzten Tag der Bestrahlung drückt mir der Arzt meinen Nachsorge-Pass in die Hand und wir beide wissen, was das bedeutet..
Er erlebt diesen Moment Tag für Tag, was wohl ein Grund für die wenig feierliche Stimmung im Arztzimmer in diesem Moment ist, denn Ich darf gehen- aber Er bleibt hier..
Oft habe ich gelesen, wie ängstlich Menschen mit ihrem Nachsorge-Pass das Krankenhaus verlassen, da sie nun quasi dem Schoß der Medizin entwachsen sind. Doch in meinem Fall ist das anders. Ich verließ hoch erhobenen Hauptes das Klinikum und bin seitdem der festen Überzeugung, so schnell nicht zurück kehren zu müssen. Wenn ich „nicht so schnell“ meine, spreche ich von mindestens dreißig Jahren, gern auch mehr, in der ich keine besorgte Miene eines Onkologen mehr zu Gesicht bekommen möchte.

Ich fühle mich jetzt schon wieder wie „eine von uns“, denn Haare und Gesundheit kehren in gar unverhofftem Maße zurück. Ich werde fitter und vergesse zuweilen die Ratschläge meiner Ärzte. Jedoch nicht derer die mir nicht mit „Machen Sie alles, was Ihnen guttut“ Mut aufs Leben gemacht haben.

Das Leben geht nun weiter- Mit meinem Nachsorge-Pass stehen mir alle Türen offen und geprägt und beeinflusst durch die letzten Monate ließen sich meine letzten beiden Prüfungen im Handumdrehen bewältigen.
Das Lernen und das damit verbundene neue und alt-aufgefrischte Wissen lassen mich gerade intellektuell keimen, wie eine Kartoffel in einer Vorratskiste! Seit langem habe ich endliche den Eindruck, das Studium vermittelt mir tatsächlich die Fähigkeit in akademischen Debatte eine Meinung bilden und vertreten zu können. Wenn man im Universitäts-Strudel gefangen ist, geht einem dieses Gefühl häufig verloren (es gibt immer Leute, die dir mit ihrem Rede-Talent weiß machen können, du hättest so viel Ahnung von deinem Fach wie ein Affe von Unterwäsche) ,aber das konzentrierte Lernen auf einen Punkt hin, wirkt Wunder für das Selbstbewusstsein.
Nun darf ich mich seit Montag Diplom-Pädagogin nennen und kann mein Glück eigentlich noch gar nicht fassen. Bizarrer weise wollte ich mich nach all dem Trubel und Stress der letzten Monate am Montag so richtig entspannen-doch ich musste feststellten, dass sich gar keine Anspannung in mir angesammelt hatte. Ich scheine die Wegwerf-Gesellschaft in emotionaler Hinsicht vollkommen realisiert zu haben, denn wer bei mir nach vergrabenen und verkappten Stresssymptomen sucht, den muss ich leider enttäuschen..

Alles schon auf dem Müll!

Ich denke immer, das wird sich vielleicht im Laufe des Winters wieder umgekehrt haben. Wenn der Uni-Stress mich wieder in seinen Klauen hat, der Alltag nervt und kein Hoch am Horizont erscheinen mag. Doch ob das schlimmer und belastender sein wird als das bisherige Jahr, mag ich doch bezweifeln. Zumal mir mit dem Master-Studium Motologie neue, spannende und anwendungsnahe Inhalte vermittelt werden, nach denen ich mich nun nach meinem Studium sehne.
Vielleicht ist genau das die Fähigkeit, die andere Menschen an Extrem-Sportlern so bewundern (vielleicht auch beneiden) – Ihre absolute Ruhe im Sturm der Grenzerfahrung.
Wenn Krebs haben eine sportliche, gar olympische Disziplin darstellen würde, vielleicht hätte ich sie ziemlich gerockt.

Mein Name ist Mari, aber nennen Sie mich doch Dipl-Päd, Champion of being extremely alive!!

Anbei noch ein dringender Filmtipp zum Thema: Du kannst ALLES erreichen.. Wahnsinnig gut!!

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