4:30 aufgestanden

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Es ist 4:30 und ich habe das Gefühl, gerade einmal die Nacht zum Tag machen zu müssen, um diesen vielleicht historischen Moment seine Lebenszeit zukommen lassen zu können.

Ich spüre geradezu Angst, diese Erwartung mitzuteilen, aber was, wenn dieser 16. November der allerletzte Tag in meinem Leben ist, an dem ich mich gegen Krebs im klassischen Sinne der Chemo- und Strahlenbehandlung therapieren lassen muss?
Was, wenn sich das Blatt für mich tatsächlich nun gewendet hat- ich den Stein der Weisen gefunden, den Ursprung allen Übels auf den Grund gegangen bin und der Krebs wirklich, wie beschworen, keine Lebensgrundlage mehr in mir findet und nie wieder finden wird?
Ich komme mir vermessen vor, da ich nichts Geringeres erwarte als genau das.

Meine gewohnt vorsichtsvolle, zurückhaltend-abwartende Strategie sähe jedoch vor, auf jeden Rückschlag gefasst zu sein, doch das hieße:
In drei Monaten wird ein Bild von meinem Gehirn gemacht und die Ärzte sagen: „Wir haben noch etwas gefunden, das müssen wir operieren/erneut bestrahlen“. Was dann?
Ich habe große Angst, dass mein unbändiger Glaube in mich und meine Kräfte an diesem Punkt in sich zusammen sacken wird, wie eine Marionette ohne Puppenspieler.
Aber diese drei Monate gilt es nun auszuhalten. Ich bin nun an diesem Ende der Therapie bereit besser in der Lage, über Nebenwirkungen hinwegzusehen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, insgesamt mehr auszuprobieren und Alternativen wahrzunehmen, im Vergleich zum August nach Beendigung der Primärtumortherapie. Auch darin zeigt sich der Überlebenswille.
Doch wenn der nun doch nicht ausreicht bin ich wieder zurück geworfen auf die Möglichkeiten, die mir der Krebs bietet, mit ihm zu koexistieren – Ein Deal, mit dem ich mich in Gedanken gar nicht anfreunden kann. Dafür bin ich zu stur und auch zu stolz. Heißt nicht, dass der Krebs mich kriegt, aber eher krieg ich ihn!
Ich zähle mich komischer Weisen schon nicht einmal  mehr zu den Menschen, die Krebs haben. Gut, noch lasse ich ihn behandeln, noch sehe ich derartig aus und noch finden sich möglicherweise Krebszellen in mir, doch würde mich die erneute oder anhaltende Diagnose eines Ausbruchs wohl genauso in meinem körperlichen Unversehren überraschen wie im vergangenen Jahr, als mir die Ärztin am 6. Oktober 2011 mitteilte, dass sich von nun an mein ganzes Leben verändern würde.
Das Kortison und die andere Menge an Medikamenten, ergänzt durch Komplementärmedizin, Nahrungsergänzung und Lebensweise wäre mir noch vor wenigen Monaten zu viel und sehr anstregend erschienen, aber dieses Mal weiß ich, diese Opfer bringen zu können- sofern es mir hilft in meinem Körper und in relativer Sicherheit alt werden und eine erfolgreiche Motologin werden zu können. Ein Frau, die den Menschen dabei hilft, gesund zu werden und Kontakt zu ihrem Körper aufzubauen.
Das Zitat einer Kommilitonin in einem Diskussionskreis zum Thema Motologie und Spiritualität brachte mir heute einen entspannenden Ansatz:
„Wir sind also keine Menschen, die eine spirituelle Erfahrung machen, sondern, wir sind als spirituelle Wesen hier, um eine menschliche Erfahrung zu machen.“
Wundervoll.

Soviel zu meiner Angst- doch kommen wir zu meinen Tugenden:
Die Woche war dick gepackt mit Terminen der unterschiedlichsten Sorte. Ich komme kaum zum Luft holen zwischen den Angeboten und Erledigungen. Das muss sich nächste Woche ändern! Die Geschäftigkeit erfüllt mich zwar, doch mangelnde Entspannung ist keine gute Grundlage meines wohltuendenLebenskonzeptes.
Gerade ist so unendlich viel angefallen, was mich in allen möglichen Lebensbereichen fordert und ich möchte mich an dieser Stelle vielmals für Mails, Briefe, Geschenke und andere Aufmerksamkeiten bedanken, deren Wertschätzung in dieser Woche zu kurz kam. Beispielsweise für das Buch von Simonton von Gisela, zu dessen Lesen und Einverleiben ich hoffentlich bald Zeit haben werde. Danke schön Gisela, das Buch war eine großartige Idee!! 🙂

Ich betrachte mein Leben gerade wie durch ein Prisma, egal wohin ich den Blick wende, sehe ich die abertausenden Möglichkeiten und kann mich manchmal kaum entscheiden, welche Angebote des Lebens an mich ich wahrnehme. Ich sehne mich nach meinen langen Haaren als Zeichen meiner Unkrebshaftigkeit zurück, es wird Zeit für  eine neue Normalität, die hoffentlich in diesen Alternativen schlummert und je mehr ich mich jetzt um die Grundlage eines solchen neuen Lebens kümmer, umso mehr werde ich wie der kleine fleißige Bauer die saftigen roten Früchte ernten können, deren Samen ich jetzt behüte.

In zwei Stunden also werde ich ein hoffentlich letztes Mal meine Bestrahlungsmaske angesetzt bekommen, erhalte meine letzten vier Gray Strahlung auf meine Grauen Metastasenzellen (die ich in den vergangenen Wochen als die Graue Herren aus dem Buch Momo von Michal Ende visualisiert habe, denen ich die kleinen grauen Zigarren aus dem Mund schlage und trete..) und dann freue ich mich, nach einigen weiteren Terminen unter anderem beim Perückenmacher, auf ein schönes langes Wochenenden ohne To-do-Listen und Stress.

Zum Resümee der Therapie habe ich mich heute Morgen durch das vergangene Krebsjahr (mittlerweile sogar fast 2 Jahre, wenn man die reine Wachstumsphase mitrechnet) geklickt und eine fotografische Abiss gezeichnet. Ich finde, ohne Haare bin ich häufig viel mehr am lachen, als zuvor. 🙂
Ich wünsche euch ein tolles, hoffentlich ebenfalls entspanntes Wochenende und bedanke mich bei euch für eurer Interesse an meinem Blog. Ich bin immer wieder überwältigt von der Zahl der Leserschaft und den zahlreichen schönen KOmmtaren und Mails, die mich erreichen. VIELEN DANK!!

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  1. „meine Grauen Metastasenzellenin (…) in den vergangenen Wochen als die Graue Herren aus dem Buch Momo von Michal Ende visualisiert (..:), denen ich die kleinen grauen Zigarren aus dem Mund schlage und trete.“ Herrlich, sei Fuchur 🙂

  2. toll…… so bunt ,so fröhlich, so ausgelassen, so nachdenklich, so witzig, so vielfältig wie die bilder ist das leben. Wir wollen noch viele solcher bilder sehen. Mach weiter so, dann wird alles gut. Liebe grüße aus Stambul.

  3. Schöne bunte Fotos 🙂 Die Glatze steht dir so gut, lass dich davon nicht runterziehen! Drück dir ganz fest die Daumen, dass sich jetzt alle Krebszellen verkrümelt haben! Simonton hab ich direkt bei meiner ersten Chemo gelesen und hat mir sehr geholfen (hatte „Wieder gesund werden“ inkl. CD mit Entspannungs- und Visualisierungsübung). Hab früher scheinbar zu oft Herr der Ringe geschaut… deshalb drehten sich bei mir die meisten Visualisierungen um Orks (meine Krebszellen), die durch vereinte Kräfte von Elben, Zwergen, Menschen, Hobbits, etc. zerstört wurden …waren interessante Bilder und aufschlussreiche Dialoge, die so durch die Meditation hervorgerufen wurden… Wünsch dir weiterhin alles Gute! Liebe Grüße, Michaela

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