Herr Krebs hat mich zudem gemacht, was ich JETZT bin

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Ich bin dankbar für die Erfahrungen der letzten 18 Monate, denn sie haben meinen Geist geweckt und ich erkenne endlich, dass ich Verantwortung habe. Für mich und mein Leben, meine Umwelt, meine Zukunft (Dennoch werde ich ihn keinesfalls weiter in meinem Leben hausen lasen). Doch ich habe auch eingesehen, dass ich weder Einfluss noch Verantwortung für Freunde, Familie, für den Bettler oder den Bänker tragen kann und möchte. Jeder trägt diese Verantwortung für sich selbst und kann sie nicht auf andere abwälzen. Und ich kann sie niemandem abnehmen.

Wenigstens Feiern klappt wieder. So wie letztes Wochenende bei Freunden in Köln

Verantwortung für mich zu übernehmen bedeutet folglich: Nicht die Probleme der anderen unter die Lupe nehmen, sondern den eigenen Sorgen und Wünschen Beachtung schenken – Also auch nicht mit den Problemen der anderen sich selbst und andere von den eigenen Schwierigkeiten ablenken. Sich selbst auch Mal in den Vordergrund rücken, mit all den eigenen Stärken und Schwächen und für sich und seine Zukunft einstehen, kann so belebend sein wie ein Sprung ins kalte Wasser.

Ich lerne diese Lektion gerade in vielerlei Hinsicht.
Zum einen beschäftige ich mich seit der Reha sehr viel mit meinen in der letzten Zeit vernachlässigten Hobbies wie Nähen, Malen oder Sport. Zusätzlich habe ich angefangen im Chor zu singen, was mir riesig Freude macht, da ich für mein Leben gern singe. Das kostet Zeit, doch wird sie gleichzeitig zu Lebenszeit recycelt. Zurückzublicken auf einen Tag voller erfreulicher Erledigungen, Termine oder Beschäftigungen ist wundervoll und lässt einen Nachts wohlig müde schlafen.

Zum anderen verfolgt mich die Lehre des Lebens gerade wieder aus der Not heraus, denn unter mir hat sich ein finanzielles Loch aufgetan.
Durch den gesetzmäßigen Wegfall des Krankengeldes nach 78 Wochen, stehe ich seit April gänzlich ohne Einkommen dar.
Die Krankenkasse informierte mich wenige Wochen vor der Reha über diesen Sachverhalt und riet mir, mich nach der Reha als wieder genesen im Arbeitsamt vorzustellen.
Ohne Ahnung, dass dies eine falsche Auskunft war, meldete ich mich am 3. Tag nach meiner Reha in der Agentur für Arbeit. Nun begann das lustige Beratungs-Ping-Pong:

Die Beraterin im Arbeitsamt schickten mich zum Kreisjobcenter (KJC), denn ich sei als arbeitsunfähig aus der Reha entlassen und somit gar nicht auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar. Bei KJC könnte ich meinen Anspruch auf „Hilfen zum Lebensunterhalt“ (Sozialhilfe) prüfen lassen, aber eigentlich hätte ich ja als Studentin gar keinen Anspruch auf Sozialhilfe (Hilfen zum Lebensunterhalt/ALGII).
Statt zum KJC gehe ich lieber mal zu Bafög-Amt, denn das kümmert sich ja bekanntlich um arme Studenten. Jedoch einen Zweitstudiengang fördern sie nicht und als Diplom-Absolventin gilt ein Master als Zweitstudium. Pech gehabt..
Danach gehe ich zur Sozialberatung des Asta. Die sagen mir, ich bekomme wegen des Studentenstatus keine Sozialhilfe und kein Arbeitslosengeld, aus genannten Gründen auch kein Bafög und eigentlich bleibt da nichts übrig, ich könnte es höchstens mit Wohngeld versuchen.
Ich versuche es also beim Wohngeldamt. Die Lady sagt ich muss mindestens 80% meines Bedarfs aus eigenen Mitteln decken, da das Wohngeld nur 20% des Bedarfs ausmacht. Das wären schlappe 500€ pro Monat. Sie sagt mir, ich solle Rente beantragen und schickt mich zum Büro der deutschen Rentenversicherung.
Dort bietet man mir den nächsten Termin im Juni an. „Entschuldigen Sie, aber ich bekomme seit drei Tagen kein Geld mehr?!“ sage ich. „Die Krankenkasse hat sie doch bestimmt schon früher über den Wegfall des Krankengeldes informiert?“ entgegnet die Verwaltungsangestellte, deren blödes Mundwerk ich am liebsten mit dem Rentenantrag gestopft hätte, den sie mir in die Hand drückt.
Am Nachmittag rufe ich bei der Behindertenberatung der Universität an. Der sehr kompetente Mitarbeiter zweifelt an meinen Rentenansprüchen, da ich maximal 18 Monate am Stück gearbeitet habe. Es schickt mich zum KJC, ich soll es einfach mal versuchen, dort Mittel zu bekommen.

Vor Ort, ich bin reichlich aufgeregt und ziehe mich extra adrett aber nicht zu aufgesetzt an, erzählt mir der Bubi am Empfang, dass ich doch als Studentin gar keinen Anspruch auf Sozialhilfe hätte..
Müde und langsam den Tränen nahe bitte ich darum, keine Fragen zu stellen, sondern mir einfach ein Gespräch mit einem Sachbearbeiter zu ermöglichen. Wir diskutieren noch eine Weile, warum ich mich trotz allem Vorstelle und bekomme sogar schon fünf Tage später einen Termin.
To be continued..

Auf diesem Weg ist es. Am Freitag findet dieser Termin statt und ich werde wieder adrett aber nicht zu aufgesetzt ins KJC fahren.

Schön ist, dass mir jeder Behördenberater alternativ nahe gelegt hat, mein Studium aufzugeben.
Ich will wildfremden Menschen nicht erklären müssen, dass mich das Studium in der Zeit als meine Haare ausgefallen sind, immer nach vorne hat blicken lassen. Es gibt mir Hoffnung, den Beruf der Motologin eines Tages ausüben zu können, gestaltet meinen Alltag und macht mir schlicht und ergreifend Spaß!
„Wenn man nicht arbeitsfähig ist, kann man auch nicht studieren.“ Aber ob ich nun sechs Stunden am Tag in einem Büro sitze, oder zur Not die Vorlesung ausfallen lassen kann, wenn es mir nicht gut geht und ich vor allem nicht permanent Leistung bringen muss, wenn es gerade nicht geht, macht eben doch einen gehörigen Unterschied.
Ich finde es skandalös, dass einem als ambitionierter Student solche Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, wenn man sowie schon so hart von einer ganzen Horde von Knüppelwerfern traktiert wird, die einen arbeitsunfähig oder zumindest arbeitseingeschränkt machen. Ich falle echt durch jedes Raster. Nicht einmal Stipendien nehmen mich, wie ich mittlerweile heraus gefunden habe, da der auf einem Diplom aufbauender Master nicht gefördert wird.

Ich könnte auch einfach mein Studium aufgeben, könnte dann Sozialhilfe beantragen und würde fortan zu Hause sitzen. Ich hätte wahrscheinlich kein Geld für meine Hobbies und könnte so die nächsten Jahre vor mich hin siechen. Wahnsinn ihr Behördenfutzies, das klingt echt viel besser als freiwillig lernen, nur weil man nicht arbeiten kann!!

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  1. Diese Geschichte macht mich einerseits sprachlos und ich bleibe mit offenem Mund zurück. Andererseits ist mir das bekann und es ist das so typisch – ja, ich mache die Schublade auf, stopfe sie alle hinein und mach‘ sie wieder zu – so typisch, dieser Ballabschlag der „Polsterplattdrücker“. Ich schicke dir ganz viel Kraft und Mut! Und ein bisschen Terrier-Charme.

  2. Ich würde Dir mal noch einen Besuch beim Fachamt für Grundsicherung empfehlen.
    Leider kenne ich diesen ganzen Behördenkram auch. In unserer Gesellschaft sollte man nicht krank werden. Hier ist nur erwünscht wer zu 100% funktioniert *grrrr*

    Gruß Sue

  3. oh mann. den scheiß kenn ich auch. bin auch grad ausgesteuert worden. hab aber glücklicherweise parallel zum studentendasein nen festen Job und bekomm deswegen ALG1. Nicht viel aber es reicht zum durchkommen. Sehr nervig find ich ja, dass es da wriklich keine Stelle gibt die einen in allen belangen unterstützen kann. Sondern man sich da asl kranker Mensch noch so durchwurschteln muss…. Ein Sozialarbeiter für zwei Stunden in der Woche an unserer Seite wäre ja auch schön…. Mir hat die UPB http://www.unabhaengige-patientenberatung.de/startseite.html schon manches mal geholfen….
    Ich drück dir die Daumen das es irgendne Möglichkeit gibt und du dein Studium nicht aufhören musst! Das will ich mit meinem auch auf keinen Fall… hat so was von aufgeben….

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