Ich bin Zeitzeuge

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Willst du in die Erinnerung der Menschen gelangen? Fang an dich zu zeigen!

Eine gefühlte Ewigkeit habe ich nun keinen richtigen Blogeintrag mehr verfasst. Stattdessen habe ich ein weiteres Kapitel meines Lebens hinter zu Ende geschrieben; im wahrsten Sinne des Wortes. Vergangene Woche habe ich meine Masterarbeit abgegeben und da sind zwar noch viele, aber eine ordentliche Menge Steine fallen mir damit vom Herzen. Noch habe ich noch kein Zeugnis, aber ich sag einfach mal: ICH BIN FERTIG mit meinem Studium. Jawohl!
Ich höre es dann und wann, verstehe aber selbst noch nicht ganz, dass es gar nicht so übel ist, trotz Brustkrebs im Hirn zwei Uni-Abschlüsse gut bis sehr gut zu absolvieren und dabei das restliche Leben nicht aus dem Auge zu verlieren. Ich gebe zu, viel blieb in den letzten Jahren meiner blutjungen Jugend auf der Strecke, aber was habe ich nicht alles dazu gelernt? Die Uni, das Leben, meine Mitmenschen waren mir große Lehrmeister und wo immer ich dachte anzukommen, stets wartete dort eine neue Lektion auf mich. Yogi-Tee, Postkarten und (liebe) Leute gaben mir Ratschläge. Manche davon taten sehr weh. Aber alle stecken sie nun in meinem Rucksack, den ich in den vergangenen elf Jahren packen zusammenpacken konnte, um nun aufzustehen und loszuwandern auf ein neues weißes Blatt Papier, auf dem sich meine Zukunft nun zunächst blass abzeichnen wird.

Ich habe gelernt, aufzustehen und mir die Fäden aus dem Mund genommen, damit ich ihn weiter aufmachen kann

Ich habe gelernt aufzustehen und mir die Fäden vom Mund gerissen, damit  ich ihn weiter aufmachen kann

Habe ich erwartet, es bis hierhin zu schaffen? Ich weiß es nicht. Meine Zeit in Neuseeland hat mir ein Extrageschenk gemacht, denn seitdem weiß ich, wie gut und wichtig es ist, jeden Tag zu leben, als wäre es der letzte und nicht darüber nachzudenken, was morgen wohl mit mir passieren könnte. Ich gebe zu, das ist nicht immer ganz kompatibel mit meiner Umgebung zu bewerkstelligen, aber ich baue seit einiger Zeit darauf, dass die anderen auch mal aus dem Weg können, dass sie auch mal Rücksicht auf MEINE Bedürfnisse nehmen. Und ich meine, das ist die allerschwerste Lektion von allen. Denn wer wird schon gerne auf etwas hingewiesen, das die- oder derjenige nicht erkannt hat oder erkennen kann (mich inbegriffen)? Und wie weiß ich, was richtig und was falsch ist. Mein Bedürfnis kommt einfach daher, es sagt mir nicht, ob es Berechtigung hat und wartet nicht auf meine Erlaubnis, erscheinen zu dürfen. Aber das ist die Crux, Ehrlichkeit ist mithin die schwerste Sache, der man sich unterordnen kann. Sei es zu einem selbst oder zu seiner Außenwelt. Da kann es schon mal vorkommen, dass man Zusammenhänge vertauscht oder die eigene Sache gerade zu sehr aufbläst, weil man dem Anschein erlegen ist, ihr gebühre nun so viel Aufmerksamkeit. Zurück bleibt aber immer eine Erfahrung. Und manchmal auch ein paar Kratzer und Schrammen am Ego. Aber für was kämpfen wir sonst? Tierschutz, Naturschutz, Menschenrecht? Krebs? Klar! Aber geht es dabei nicht immer irgendwie um uns und wie wir uns selbst im Spiegel in die Augen sehen möchten. Und war der Mund mal wieder schneller , als der Kopf und das Herz lag auf der Zunge , liegt jemand des Nachts wach und wünscht sich, die Uhr rückwärts laufen lassen zu können. So einfach ist das, authentisch zu sein. Zumindest in meiner Welt. Und wenn die Nähe einen auffrisst und die Distanz an einem nagt sollte man nach vor schauen und die Lehre suchen, die sich hinter jeder einer solchen Begebenheit versteckt. Das ist meine Weise, aus Heu Gold zu spinnen und voller Spannung jeden Tag nach vorne zu wagen; in Vorfreude auf die nächste Lektion.
Und mir ist klar, dass sich manche/r Leser/in am Kopf kratzt und nicht versteht, was ich meine. Denn für manche/n schein das Ego wie selbstverständlich zur freien Vergnügung zu stehen. Aber dies schreibe ich für Menschen wie mich, die täglich hadern und zweifeln; an sich und an allem, an der Welt und allen, die sie mit und bewohnen. Ich versuche mich, freizukämpfen von blinden Konventionen, die ich nicht nachvollziehen kann und fühle mich dennoch sicher in einem Netz aus Gewohnheiten, die ich Kultur und mein eigen nennen kann. Hierzu ein „Gedicht“, von dem ich nicht weiß, wie religiös es gemeint ist, dass ich aber dennoch an alle Göttlichkeit in jedem Einzelnen von uns richten möchte:

„Gott“, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Wie ihr an meiner Thematik erkennen könnte, wird euch hoffentlich auffallen, dass es mir gesundheitlich gerade sehr gut geht. Mein Körper wehrt sich mithilfe des Katcylas erfolgreich gegen meine Metastasen und mein Arzt ist zufrieden mit- welch ein Geschenk! Ich werde in den nächsten Wochen das Leben genießen, vielleicht ein paar Besuche oder Urlaube ansteuern und ein Praktikum im Mutter-Kind-Heim planen. Damit mein neues weißes Papier ein paar kunterbunte Farbklekse erhält. Leben und neue Möglichkeiten sehen und ergreifen, darum soll es sich nun handeln. Ich habe vielleicht meine Erkrankung noch nicht besiegt, aber das tägliche Gewahrsein hält mich wach und erinnert mich daran, zu Leben!

„Der Krieger des Lichts erinnert sich an die Worte von John Bunyan:
Auch wenn ich all das durchgemacht habe, was ich durchgemacht habe, bereue ich die Schwierigkeiten nicht, in die ich mich begeben habe – weil sie es waren, die mich dorthin brachten, wohin ich zu gelangen wünschte. Jetzt ist alles, was ich besitze, dieses Schwert, und ich übergebe es jedem, der seinen Pilgerweg gehen möchte. Ich trage die Spuren und Narben der Kämpfe – sie sind Zeugen dessen, was ich erlebt, und Belohnungen für das, was ich errungen habe.
Diese Spuren und Narben sind es, die mir die Tore zum Paradies öffnen werden. Es gab einmal eine Zeit, in der ich Berichten von Heldentaten lauschte. Es gab einmal eine Zeit, in der ich nur lebte, weil ich leben musste.
Aber jetzt lebe ich, weil ich ein Krieger bin und weil ich eines Tages an der Seite dessen sein möchte, für den ich so sehr gekämpft habe.“ (Paulo Coelho, Handbuch des Kriegers des Lichts, S.31)

Als Musiktipp heute die wundervolle MINE, die erst in den Anfängen ihrer hoffentlich großartigen Karriere steht. Sie singt, tanzt und spielt sich mit ihren Tönen in mein Herz und hoffentlich auch in euer. Sie kommt aus Mainz. Ein Konzert sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen, denn sie ist eine der wenigen SängerInnen, die live NOCH viel besser klingen und auftreten, als es die Platte ohnehin schon verspricht. Licht und Ton deluxe!

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    • Hallo, es ist ja etwas her, dass du mir geschrieben hast. Schande auf mein Haupt!
      Ich danke dir für deine Gratulation:D
      Gerne hätte ich „die Schallmauer durchbrochen“ aber je mehr ich arbeiten ging, um es mir und anderen zu beweisen, dass Krebs ja gar nicht so schlimm ist, wie alle sagen, desto mehr hat es mich traurig gemacht, doch nicht mehr alles so hin zu bekommen, wie es mir gedacht hatte. Schade, aber ehe ich als trauriges Klümpchen ende, musste ich die Notbremse ziehen und zu meinem Leben als hoffnungsvoll, fröhliche Krebsbetroffene zurück kehren.
      Ich finde MINE immer noch wahnsinnig gut. Ich war mittlerweile noch auf zwei weiteren Konzerten von ihr. Findest du sie immernoch gut? Kennst du ihr neues Album? (Das Ziel ist im Weg) Gefällt es dir?
      Liebe Grüße
      Mari

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